"warum geh ich doch immer wieder ins frauencafe?
es ist das einzige und doch nicht mein eigentum. es ist mein salon. mein wohnzimmer. meine küche. mein lesesaal. mein film. meine prüfung. mein sodom. mein gomorrah. mein mekka. mein mariazell.
mein zwentendorf. meine burg. mein berg karmel (oh ihr töchter des libanon). mein schönbrunn. mein karl-marx-hof. mein shangri-la. meine galeere. mein panzerkreuzer potemkin. mein casablanca (play it again). mein entenhausen. mein frust. meine lust. meine einsamkeit. mein parlament. mein konferenzzentrum. mein kloster. mein puff. mein theater. mein exil. meine zuflucht. mein elfenbeinturm. mein schützengraben. mein atlantis. meine republik. mein harem. mein planet. meine ortslosigkeit. mein fokus. meine große angst. meine freude. mein wunderland. mein kapital. mein kampf. mein wounded knee."

(1981 verfasste Liebeserklärung einer anonymen Besucherin an das Wiener Frauencafé)


28 Jahre Wiener Frauencafé
The Short-Herstory

1977 - Die Anfänge

Die Aufbruchsjahre der Neuen Frauenbewegung sind überall von der Schaffung eigener Frauenräume - Kommunikationszentren, Buchhandlungen, Zeitschriftenredaktionen - begleitet. Frauen nehmen sich die Orte, die sie brauchen, um zu sich zu kommen, "a room of one´s own", wie Virginia Woolf es ausdrückte.

Für das Wiener Frauencafé sind es 14 Frauen, die ihre Zeit, Ideen, ihr Know-how und ihre Arbeit für den Aufbau zur Verfügung stellen. Unter ihnen die Architektin Ülküm Fürst, Erica Fischer, Ulrike Ewald, Ursula Kubes-Hofmann und Eva Dité.

Der "Verein zur Förderung von Frauenkultur" sieht seine Aufgabe damals bereits darin, als Kontaktstelle und kultur-politische Plattform zu fungieren und adaptiert die Räumlichkeiten des Gassenlokals, Lange Gasse 11 im 8. Wiener Bezirk.

Schon bald können die Vereinsräumlichkeiten unter dem Titel "Wiener Frauencafé" in Betrieb genommen werden und entwickeln sich zur Kommunikationsdrehscheibe für politische Aktivistinnen, Künstlerinnen und Interessierte. So waren u.a. auch Schauspielerinnen und Opernsängerinnen aus den nahe gelegenen Theatern bzw. Opernhäusern nach den Vorstellungen zu Gast wie auch Schriftstellerinnen wie z.B. Elfriede Jelinek, Elfriede Gerstl, Elfriede Mayröcker, Heide Pataki, Marie-Thérèse Kerschbaumer, Dorothea Zemann, Elisabeth Reichart.

Aber nicht nur prominente Frauen zählten zu den Besucherinnen des Frauencafés, da dieses von Anfang an auch wichtige soziale Funktionen erfüllte. So stellt(e) das "Café" auch für Frauen, die von Armut und/oder sozialen Problemen betroffen waren, Frauen aus der "Subszene" oder auch Migrantinnen (z.B. Ungarinnen, Tschechinnen, Polinnen, aber auch russische, bulgarische und zuletzt Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien), die vor den politischen Entwicklungen in ihren Ländern geflohen waren eine wichtige Anlaufstelle dar. Abgesehen von Alter und Herkunftsland waren die Besucherinnen aber auch vom Bildungsniveau wie auch von der Sozialstruktur her äußerst heterogen, wodurch das kulturelle Veranstaltungsangebot ein breit gefächertes Spektrum zeigte. Diskussionsabende über feministische Literatur finden deshalb ebenso statt wie Lesungen, politische Diskussionen, Liederabende, Beratungsgespräche und Vorbereitungstreffen zu Aktionen und Veranstaltungsplanungen.

Während das Frauencafé in den Anfangsjahren all das beherbergt, was heute in vielen einzelnen und spezialisierten Frauenprojekten ausgelagert ist, besteht der "Frauencafé-Alltag" jenseits kultureller und politischer Event-Highlights darin, eine tägliche Begegnung von interessierten Frauen mit Aktivistinnen der Bewegung zu ermöglichen.

Dennoch ist es immer wieder nötig, die Kommunikation zu strukturieren: die Schriftstellerin Erica Fischer, eine der Initiatorinnen des Projekts, begründet bspw. ihren Wunsch nach regelmäßigen informellen Treffen damit, "dass dabei Ideen entstehen, die sonst in Ermangelung von Möglichkeiten zu einem Gespräch untergehen - gerade so als seien diese zu kostbar".


Der kultur-politische Aktionsradius des Vereins

Bis zum Jahr 1982 wurde das Frauencafé als "Buchcafé" betrieben und einer der beiden Räume des heutigen Cafés auch die Frauenbuchhandlung beherbergte. Nach fünf Jahren der Koexistenz auf engstem Raum konnte die Frauenbuchhandlung das Lokal nebenan beziehen und das Café selbst vergrößert werden. Vor der Trennung von Café und Buchhandlung waren 1981 noch zwei Feuerproben zu bestehen:

· Unter dem Pornografiegesetz wird das in der Frauenbuchhandlung vertriebene Buch "A Woman's Touch Touch: An Anthology of Lesbian Eroticism and Sensuality for Women Only" beschlagnahmt und die Frauenbuchhandlung zum Ersatz der Verfahrenskosten verurteilt. Laut Urteilsbegründung, enthalte das Buch "... in anreißerischer, verzerrter und das Obszöne betonender Weise die jedes darüber hinausgehenden Gedankeninhalts entkleidete textliche und bildliche Wiedergabe intensiven lesbischen Unzuchttreibens". - Die Plattform Frauencafé kontert öffentlich - und angesichts bestehender Pornokinos und -Printmedien, die sich ausschließlich an ein männliches Publikum richten sehr lakonisch - und organisiert erfolgreich gemeinsame Spendenaktionen, sodaß die Verfahrenskosten bald beglichen werden können.

· Noch kaum erholt von diesem Kraftakt, gerät die Kulturdrehscheibe "Frauencafé" im Dezember 1981 bald wieder in die Schlagzeilen. Diesmal allerdings mit der Zerstörung durch eine als "Wilde Wanda" bekannte Wiener Unterweltgröße, die ihren Ruhm als erste weibliche wie auch lesbische Zuhälterin erlangte. Ihr Motiv: Nachdem einige Frauencafé-Besucherinnen sie zuvor an einem gewalttätigen Übergriff gehindert hatten, entsandte Wanda einige Tage später drei Komplizen, die die Einrichtung des Cafés bis zur Unbrauchbarkeit zertrümmern und die Anwesenden körperlich bedrohen.

Und wieder setzt sich der Aktionsradius des "Frauencafés" mit viel körperlichen Einsatz in Bewegung, sodaß das Café schon bald renoviert den Betrieb wieder aufnehmen kann. So findet ein durch viel Arbeit und Pionierinnengeist gekennzeichnetes Aufbruchsjahr seinen Abschluss mit einem Referat von Elfriede Gerstl über "Diskriminierung der Frau durch die Psychoanalyse" und einem Fest.

In den folgenden Jahren nehmen zahlreiche spektakuläre Aktionen der Frauenbewegung vom Frauencafé aus ihren Ausgangspunkt, darunter z.B. ein Autokonvoi am 8. März und mehrere Palmersaktionen. Letztere sind Anlass für kritische Reflexionen zum Thema "Körperpolitik": Während Feministinnen, die die sexistischen Palmers-Werbeplakate mit Slogans besprayen und strafrechtlich verfolgt werden, gibt es keine gesetzlichen Bestimmungen, die Frauen vor diskriminierenden Angriffen und Darstellungen schützen. "Frauen ist es aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht möglich, Plakatflächen anzumieten, so dass ihnen nur die Meinungsäußerung in spektakulären Formen als einziges zu Gebote stehendes Mittel bleibt, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen", heißt es deshalb in einem Flugblatt.

Die 80er Jahre sind gekennzeichnet von großen Veränderungen in Frauenorganisationen: Die anfänglichen Einzelinitiativen beginnen sich informell zu vernetzen und beginnen, sich zu professionellen Organisationen zu entwickeln. Die wachsende Professionalisierung brachte aber auch das Risiko des Autonomieverlustes mit sich, was zu - teilweise sehr hitzigen und folgenreichen - Diskussionen führte.

Inwiefern die Kommunikationsplattform "Frauencafé" politischen Gruppierungen zur Verfügung gestellt wird, führt folglich auch innerhalb des Trägervereins zur Förderung von Frauenkultur zu Spaltungen. Frontlinien bildeten sich hierbei zwischen "politischen Annäherungen" und "Vereinnahmungsbefürchtungen" sowie dem Anspruch nach absoluter Unabhängigkeit.

Die Kommunikationsplattform "Frauencafé" erholte sich dank den Initiativen zahlreicher kulturschaffender Frauen jedoch auch aus dieser Krise und konnte seit Mitte der 80er Jahre den Kulturbetrieb erfolgreich weiterführen. So wurde das "Wiener Frauencafé" sowohl als feministische Erstkontaktstelle (für Interessierte wie auch für ausländische Gästinnen) wie auch als Kommunikations-Drehscheibe für künstlerische, wissenschaftliche und politische Inhalte immer wieder neu gestaltet.

Die bisweilen 27-jährige Vereinstätigkeit steht somit für 27 Jahre Engagement, kulturelles Schaffen und persönlichen Arbeitseinsatz vieler bewegter Frauen aber auch für Bewusstseinsbildung, Auseinanderssetzung, Krisenbewältigung und immer wieder: Neuanfang.

Text: H. Grammel (Redaktion: G. Szekatsch)